(allein zu Hause mit zwei guten Sternburg Radler und offener Balkontür)
19:30 Uhr: Endlich zu Hause vom Arbeiten. Ich bin platt, öffne mir ein wohlverdientes Radler und die Balkontür. Über mir kreist der Polizeihubschrauber.
19:45 Uhr: Ich koche und mache mir einen geilen Tomatensalat auf chilenische Art (mit viel frischem Koriander und Zitronensaft).
19:50 Uhr: Es klingelt. Unser Nachbar von der WG unter uns steht vor der Tür und lädt mich zu einem "kleinen Umtrunk" bei sich ein. Außerdem braucht er einen Korkenzieher. Die WG unter uns ist wirklich schlecht ausgestattet. Seit einem halben Jahr leihen sie sich ständig unsere Korkenzieher...
Ich habe allerdings keine Lust auf Party und sage ich schau vielleicht mal vorbei, aber wohl eher nicht.
19:55 Uhr: Der Korkenzieher scheint seinen Dienst zu tun. Unter mir wird die Musik aufgerissen, so dass ich meine Abendessenreportage über den Checkpoint Charlie auf Phönix nicht mehr verstehen kann.
20:10 Uhr: Satt. Ich beschließe noch meinen Fahrradreifen auf dem Balkon zu flicken. Die Party unter mir findet wohl nun überwiegend unter mir auf den Balkon statt. Ich finds lustig... Am lustigsten finde ich, dass die "kleinen Jungs" von unten offenbar noch nicht in der Lage sind ihr After-Shave angemessen zu dosieren. Zum ersten mal seit Monaten schafft es etwas, den Wasserpfeifengeruch in unserem Innenhof zu überdecken.
20:12 Uhr: Sie spielen "I believe I can fly". Kann meinen Würgereiz nur durch kurzfristiges Schließen der Balkontür unterdrücken. Das grenzt wirklich an Psychoterror. Ich drehe meine eigene Musik ein wenig lauter und warte ab...
20:16 Uhr: Ah, vorbei. Ich kann die Tür wieder öffnen. Das Musikniveau von unten steigt langsam wieder... langsam!
21:15 Uhr: Ich schaue mir ein sehr lustiges Musikvideo auf Youtube an, das mir eine Kollegin soeben per Mail zugeschickt hat und lach mich scheckig... Verbreite es sofort auf allen Kanälen weiter...
21:25 Uhr: Komme durch die Weiterverbreitung des Musikvideos über Skype mit einer Freundin in Mainz ins Geplauder. Sie erzählt mir, dass sie soviel Geld verschleudert hat, dass sie heute auch zu Hause bleiben muss. 300 Euro hat sie zuviel ausgegeben. Sie macht zur Zeit Praktikum bei einer Zeitung, wo sie pro geschriebene Zeile bezahlt wird. 4 Cent bekommt sie pro 5 cm breite Zeile. Das bringt mich ins Rechnen:
Um die 300 Euro wieder rein zu holen muss sie also 7500 Zeilen schreiben. Das macht bei einer Zeilenbreite von 5cm 375 Meter Text.
21:45 Uhr: Wir schaukeln uns in den Berechnungen hoch: Meine Behauptung, dass 375 Meter Text ja mehr wäre, als eine Rolle Klopapier zu beschreiben ermuntert mich sogleich eine Expedition ins Bad zu unternehmen um nach zu sehen, wieviel Meter so eine Rolle Klopapier hat. Das bringt mich auf folgende Rechnung: 200 Blatt pro Rolle (beim 3 lagigen Recycling Klopapier vom Aldi) mit einer ungefähren Blattlänge von 138 mm, heißt also dass eine Rolle ca 27,6 Meter lang ist. Heißt wiederum, dass sie mehr als 13,5 Rollen Klopapier beschreiben muss um ihre Schulden wieder rein zu holen. Sie will resignieren...
22:06 Uhr: Von unseren Berechnungen angespornt, entwickeln wir eine Geschäftsidee: eine Zeitung auf Klopapier gedruckt. Das wäre was! Sofort haben wir auch Mitleid mit den Menschen ohne Zeitungsabo oder nur dem einer Wochenzeitung (nur noch einmal die Woche scheißen...hihi). Sie beschließt die Idee bei der nächsten Redaktionssitzung ein zu bringen und macht sich nun an die ersten der 7500 Zeilen, bzw. 375 Meter, bzw. 13,5 Rollen Klopapier.
22:12 Uhr: Über meinen plötzlichen Matheeifer ist mir garnicht aufgefallen, dass die Party unter mir verschwunden ist. Es ist totenstill. Einfach weg ist sie. Unheimlich. Ich vermute, dass sie in ein Dimensionsloch gefallen ist. Passiert ja schnell beim Feiern, dass man auf einmal in einem Paralleluniversum landet.
22:14 Uhr: Der Polizeihubschrauber ist allerdings immer noch da und nervt... Erstaunlich wieviel es sich Vater Staat kosten lässt eine leere Wiese zu verteidigen...
22:30 Uhr: Die Party unter mir lässt mich durch verhaltenes Geplapper wissen, dass sie noch immer in meiner Dimension ist. Was ist da los? Wo ist die Musik?
22:33 Uhr: Eine krächzende Stimme einer älteren Frau ergreift irgendwo in unserem Innenhof (vermutlich auf der Party bzw. an die Party gerichtet) das Wort und hält eine epische Rede. Ich versuche es so wörtlich wie möglich wieder zu geben:
"Ich hab auch mal in ner WG gewohnt. 13 Jahre hab ich in ner WG gewohnt. Und das war gut so. Wir haben geraucht, wir haben gesoffen, wir haben gekifft und wir haben auch mal Koks gezogen. Aber das war okay. Und mein Vater, der ist sogar noch älter als ihr, der fand das auch okay. Der hat sich seine Joints geraucht und so und hat mit allem kein Problem.... Und ich hab immer das Klo geputzt. Ich hab jede Woche das vollgeschissene Klo geputzt. Ich wollte mich da ja auch hinsetzen... und scheißen. Und wenn ich Besuch hatte.... (dann hab ich leider einen Teil nicht verstanden)... Also man muss einfach locker sein in so ner WG. Das ist die Hauptsache. Locker sein!!"
Ich vermute das jemand sich über die Lautstärke der Party beschwert hat, vielleicht sogar die Polizei gerufen hat... Die sind ja eh gerade in der Nähe.
22:40 Uhr: Ermutigt durch diese flammende Rede traut man sich nun unter mir zumindest wieder das Fenster auf zu machen. Die Musik scheint auf die andere Seite verlegt worden zu sein... Man beschäftigt sich nun mehr mit der handgemachten Musik auf der hauseigenen Djembe.
Das wäre bisher die größten Momente, die durch meine Balkontür reingeflogen kamen. Ich liebe Neukölln dafür. Ich liebe mein Hinterhaus. Ich liebe diesen Innenhof. Eine kleine großartige Parallelwelt!
Ich melde mich wieder falls es noch mehr berichtenswertes gibt.
Samstag, 20. Juni 2009
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1 Kommentar:
wonderful!
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