Aus aktuellem Anlass, heute mal ein kleiner Gedankenspaziergang, zu dem mich heute einige Dinge inspiriert haben...
Natürlich bin ich froh, in einem westeuropäischen Land mit all seinen Vorzügen geboren und aufgewachsen zu sein. Ich freue mich, dass ich mich auf gewisse Dinge verlassen kann, weil ich den richtigen Pass habe. Aber es ist alles nur ein glücklicher Zufall für mich. Muss ich mich deswegen mit Deutschland identifizieren? Soll ich deshalb die deutsche Fahne schwenken, weil unsere Nationalmannschaft gegen andere Länder im Sport antritt? Zum Glück nicht. Niemand muss dies tun. Was mir aber sauer aufstößt ist, dass sehr viele es scheinbar wollen. Es hat sich ein temporärer, kollektiver Nationalstolz entwickelt, der von der Werbemittelindustrie freudig unterstützt wird und in meinem Kopf einfach keinen Sinn ergibt.
Einer der Vorzüge, die ich als Deutsche genießen durfte bzw. darf ist eine gute Bildung, die mich zu einem selbstständigen, reflexiven Menschen gemacht hat. Deshalb bin ich in der Lage, dem allgemeinen Trend zu widerstehen und Fußball weiterhin als Sport, als Kräftemessen anzusehen. Natürlich schaue ich mir auch das ein oder andere Spiel an. Und ich freue mich auch FÜR die deutschen Spieler wenn sie gewinnen und schönen Fußball spielen. Ich habe auch nichts gegen Massenbegeisterung. Ich bin sogar selbst gerne Teil davon. Ich singe gerne mit 200 anderen Pfadfindern Lieder, mit denen wir alle schöne Erlebnisse verbinden und teilen. Ich nehme auf Konzerten gerne an Massenspielchen wie La-Ola-Wellen teil um mich mit allen anderen am Anblick unseres Werkes zu erfreuen. Ich klatsche hin und wieder sogar gerne im Takt mit um den Musikern zu zeigen, wie sehr ich ihre Musik mag und unterstütze. Auch das Mitfiebern bei Fußballspielen und Konsorten finde ich vollkommen legitim. Aber warum genau soll ich mich mit Deutschlands Farben dekorieren? Was will ich damit zeigen? Wem will ich das zeigen? Warum will ich das zeigen? Das sind drei Fragen, die ich mir schon seit der WM gestellt habe und die ich für mich nicht beantworten kann. Ich respektiere, dass andere Freude daran haben, aber ich würde mich sehr freuen, wenn mir mal jemand genau die Hintergründe erklären könnte. Dann würde mich der Respekt und die Akzeptanz auch wesentlich leichter fallen und ich müsste es nicht mehr nur machen, weil ich so nett und rücksichtsvoll bin.
Für mich steckt hinter einer Fahne zuviel Bedeutung, viel mehr als nur die Sympathie für eine Sportmannschaft. Bin ich da jetzt zu sensibel? Kann man auf diesem Gebiet überhaupt zu sensibel sein? Ist das der richtige Weg, um dieses Land gut in der Welt zu repräsentieren? Wäre es nicht viel schöner, die Deutschen würden sich mal besser im Ausland benehmen als es die meisten tun. Ich schäme mich noch viel zu oft, für "mein Volk", als das ich bereit wäre, die Fahne hoch zu halten. Vorher gibt es noch viel zu viele Dinge, die Besserung gebrauchen können. Hier sind noch viel zu viele Menschen chronisch unzufrieden und immer sind die anderen Schuld. Da kommt Fußball gerade recht. Wenn "wir" gut spielen, sind alle stolz und wenn sie schlecht spielen, sind Trainer/Spieler/Wer-auch-immer-Hauptsache-nicht-ich schuld.
Das ist mir ein bißchen zu einfach. Ich frage mich hier, ob ich wirklich so zufrieden mit allem bin, als dass ich die Fahne schwenken müsste. Meiner Meinung nach, gibt es hier und dort noch Dinge, die ich für verbesserungswürdig halte. Ich glaube sogar, dass ich alleine schon etwas tun kann indem ich sie nur für mich verbessere oder Dinge tue von denen ich glaube, dass die Welt ein bißchen besser würde, wenn sie alle tun würden. Ich kann mir jedenfalls tausend schönere Trends vorstellen, als die Fahne eines Landes zu schwenken, deren meiste Einwohner nicht gerade nach meinem Geschmack sind. Ich wehre mich dagegen mich mit Menschen zu vereinheitlichen, mit denen ich nichts außer der Staatsangehörigkeit gemeinsam habe.
Nein, es dauert noch wirklich lange bis ich Deutschland bin, oder besser: bis Deutschland ich ist. Und so lange schwenke ich nur eine Fahne: die Evanien-Fahne.
Freitag, 13. Juni 2008
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