Es gibt einen geographischen Fachbegriff, der hier in Berlin zur Zeit in aller Munde ist. Er heißt Gentrifizierung und beschreibt die "Aufwertung" eines Stadtteils durch Zuzug reicherer Menschen und der Verdrängung der sozial schwächeren. Aller Anfang sind die Künstler und Studenten(ohne Geld), die den Bezirk cool machen, in dem sie Kneipen und Cafés anziehen. Danach kommen die Leute, die sich ihren Lebensstil kaufen wollen und können. Sie kaufen sich also sozusagen in den coolen Bezirk ein. Dann steigen die Mieten und das Spiel nimmt seinen Lauf. Ich habe selbst gerade mit meinem Umzug nach Neukölln den ersten Schritt in Richtung Getrifizierung des südlichen Neuköllns gemacht. Selbige ist im neuen Szenekiez "Kreuzkölln" bzw. Nordneukölln schon in vollem Gange. Alle Geheimtip-Kneipen konzentrieren sich im Moment auf diesen Ort.
In Bonn habe ich immer im bereits komplett gentrifizierten Viertel (Weststadt) gewohnt. Komplett gentrifiziert? Nein! Ein von unbeugsamen Studenten bevölkertes Haus hört nicht auf, dem gut verdienenden Eindringling Widerstand zu leisten. Und das Leben ist nicht leicht für die reichen Anwohner...
Allerdings wird es bald leichter. Insgesamt 15 Menschen haben vergangene Woche eine Kündigung erhalten und müssen in 3 bis 9 Monaten die Beethovenstraße verlassen. Das böse Pfeffertron erhebt Anspruch auf sein Haus und will es "under peppercorn-troll" bringen (einige ehemalige Mitbewohner mögen dieses Wortspiel kennen und/oder verstehen... hö hö hö).
Eigentlich betrifft mich das alles ja garnicht. Außer das viele meiner Freunde gerade auf Wohnungssuche sind. Aber auch mich stimmt diese Geschichte irgendwie traurig. Bei meinen zahlreichen Besuchen im guten alten Bonn war mir dieses Haus immer ein zu Hause. Es war praktisch wie mein zweites Elternhaus. Außerdem hatte ich zweieinhalb wunderbare und durchweg glückliche Jahre in diesem Haus. Meine schönste WG-Zeit, deren Ende mich in eine mittelschwere Einsamkeitsdepression gestürzt hat, die ich gerade so überwinden konnte. Dieses Haus ist nicht nur eine runtergekommene Ranzbude mit Schimmel und mehr Kohlenmonoxid als das Gesundheitsamt erlaubt in der Luft (Ölofenheizung). Dieses Haus steht für mindestens 20 Jahre Bonner WG-Geschichte. Es gab Zeiten, da war die Beethovenstraße für Ihre ausschweifenden Parties in ganz Bonn berühmt. Von den Nachbarn wurde das Haus mehr oder weniger liebevoll das "RAF-Haus" genannt. Auch Zitate wie "ist bestimmt ne Kommune" habe ich schon von Passanten aufgeschnappt. Dieses Haus war nicht nur mir ein wunderbares zu Hause. Ich habe so viele schöne Erinnerungen, ich kann sie kaum zählen... Bislang war es nie so schlimm ausgezogen zu sein, ich konnte ja zurückkehren. Das geht bald nicht mehr. Mein zweites Bonner zu Hause wird bald gentrifiziert. Es werden reiche Arztfamilien einziehen, die die Ruhe und die Lage schätzen. Mein altes Zimmer wird vielleicht ein Esszimmer werden. Ob sie wohl den Kirschbaum im Vorgarten, den unsere WG-Urahnen einst gepflanzt haben, absägen? Bestimmt. Macht ja nur Dreck und lockt die Tauben an.
Das wars. Es ist vorbei. Die vielleicht längste WG-Geschichte Bonns wird beendet werden. Manchmal hasse ich Veränderungen...

1 Kommentar:
wir sollten was starten ...
was starten was die gentrifizierte nachwelt nicht so schnell vergisst ...
abrissparty, straßenfest, ...
alle ehemaligen einladen und dick feiern ...
denn wenn was geht soll man tanzen, tanzen, tanzen ...
grüße aus der letzten anti-peppercorn-troll-bastion 23
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